Wie in Trance.
by Holger on Jan.19, 2012, under Wir können auch anders
Auf dem Weg zum Supermarkt überquere ich die Straße. Ich schaue weder nach rechts noch nach links; mit quietschenden Reifen kommt ein Auto nur wenige Zentimeter von mir entfernt zum Stehen. Ich kann sehen, wie der Fahrer wild mit der Faust wedelt und irgendetwas schreit. Beleidungen vermutlich. Doch ich reagiere gar nicht. Wie auf Schienen laufe ich weiter.
Im Supermarkt nehme ich die Menschen um mich herum kaum wahr; mit mechanischen Bewegungen lege ich wahllos Waren in meinen Wagen. Ich schleppe mich zur Kasse, bezahle. Als mir die Kassiererin einen schönen Tag wünscht, würde ich am liebsten schreien. Doch ich unterdrücke diesen Reflex, danke und gehe. Den Schein wahren, das kann ich mittlerweile ganz gut.
Zu Hause angekommen packe ich meine Einkäufe in die verschiedenen Schränke. Danach bereite ich mir etwas zu Essen zu. Gewürze? Brauche ich nicht. Ich esse nicht, weil ich will oder weil mir etwas schmeckt. Ich esse, um den Motor am Leben zu halten. Seit einiger Zeit drängt sich jedoch immer mehr die Frage auf, warum ich dies tun will.
Mit meinem Essen setze ich mich an den Tisch. Die leeren Wände glotzen und gähnen mich an, ich starre zurück. Was ich esse, weiß ich gar nicht. Ich könnte auch auf Pappe herumkauen, geschmacklich würde ich keinen Unterschied schmecken. Das Geschirr lasse ich stehen.
Ich weiß, dass ich arbeiten sollte. Mein Arbeitszimmer. Es lacht mich aus. Ich versuche mich zu konzentrieren, weil ich weiß, dass ich diesen Entwurf schreiben muss. Zwei Klicks später und das Word-Dokument wurde geöffnet. Meine Finger möchten loslegen – doch sie verharren über der Tastatur. Die mentalen Rollladen rattern herunter. Game over. Ich überlege, ich grübele, ich denke…ja, ich drücke und ich quetsche mich wie einen Pickel aus … und doch bleibt das virtuelle Papier vor mir weiß und leer. Es verhöhnt mich.
Ein Blitz in meinem Hirn. Eine plötzlich Erkenntnis! Ich richte mich auf. Rücken gerade, Blick nach vorn, Entschlossenheit allerorten. “So kann es nicht weitergehen!”, sage ich laut. Niemand antwortet. Sekunden vergehen wie Stunden. Und wieder sacke ich zusammen. Widerstand zwecklos: Die Revolution gegen den eigenen Seelenzustand verpufft im Nichts.
Bin ich hier, in meinen eigenen vier Wänden, dann kann ich mich diesem Seelenzustand auch hingeben. Mein eigenes Selbstmitleid übernimmt die Kontrolle, flankiert von Antriebs- und Freudlosigkeit. Apathisch as apathisch can be.
Verlasse ich sie jedoch, vor allem, um zur Arbeit zu gehen, dann haben all diese Gefühle keinen Platz. Überschminkte Wahrheiten werden da präsentiert, nach außen hin Normalität signalisiert. Es geht mir gut, möchte ich allen zurufen. Werde ich nach meinem Befinden gefragt, so kann ich sagen: “Ich kann nicht klagen”, wohlwissend, dass dies gar nichts heißt, aber als Antwort genügt.
Gehört das zu einer gewissen Professionalität, wenn man allen etwas vormacht, beinahe täglich? Wie lange geht es gut, wenn man morgens in den Kaffee lachen und abends in das Bier weinen muss?
Im Schneckentempo verkriecht die Zeit. Fernsehen, Internet, Playstation. Ein Hoch auf den technischen Fortschritt, der uns all unsere Sorgen vergessen machen lässt und uns so lange mit Stumpfsinn bombardiert, bis wir eingelullt sind. Hirn- und Sinloses als Tränenschutzmittel?
Irgendwann, so schreit der Teil meines Verstandes, der noch normal funktioniert, wird es Zeit fürs Bett. Wie ein Zombie putze ich die Zähne. Ich lege mich hin. Das Licht ist aus, das Zimmer so dunkel wie mein Inneres. Ab und zu fährt ein Auto am Haus vorbei und seine Scheinwerfer streifen an der Decke entlang.
Lösche ich das Licht, so fallen all die Gedanken, die sich tagsüber vielleicht hinter dem Vorhang des Alltags versteckt haben, über mich her und beißen sich mit ihren gierigen Zähnen in meinem Hirn fest. Warum, warum, warum. Niemand hilft mir. Ich liege hier, umgeben von Erinnerungen. Die dunkle Welt verschwindet hinter einer Wand aus Tränen. An Schlaf ist für Stunden nicht zu denken. Wohlwissend, wie fertig ich am nächsten Morgen sein werde, blicke ich immer wieder zum Radiowecker, dessen rotleuchtende Ziffern mit erbarmungslos anstarren.
Links, rechts, links, rechts. Ich drehe und drehe mich, doch der Schlaf will nicht kommen. Bis…
Der Wecker klingelt. Die Nacht ist vorbei, ein neuer Tag wartet.
Wenn Einer eine Reise tut
by Armin on Jan.10, 2012, under Wir können auch anders
Jetzt ist es also so weit. Nach einer Woche im neuen Job die erste Dienstreise mit explizitem Arbeitsauftrag. Ein Glück bin ich nur als Beobachter dabei – so kann man insbesondere in der Anfangszeit einfach am meisten lernen ohne sich selbst in die Schusslinie zu stellen. Und damit ich nicht gleich erschlagen werde geht es auf in die Kultkurregion Nummer Eins in Deutschland; in den grünen Nabel unseres Landes – in den Ruhrpott. Diese Entscheidung bringt leider drei Effekte mit sich, welche ich hier einmal wertungslos auflisten werde. 1. die Region Ruhrpott 2. Abfahrtszeit in Berlin 6.49 Uhr mit 4 Stunden Zugfahrt 3. Ruhrpott!
Meine umfangreiche to-do Liste für den Vorabend teilte mir dann auch mit, dass ich gefälligst ein Taxe zu Hauptbahnhof bestellen sowie die notwendigen Sachen für den Aufenthalt einpacken sollte. Für zwei Tage bestand letzteres hauptsächlich aus Laptop, etwas zu lesen sowie Musik. Als für den ersten Schritt den Taxiruf gewählt und den Mitarbeiter bei seinem zelebrierten Harry Potter Fernsehabend gestört. Hektisch nahm er meine Anfrage auf und mein gut gemeinter Hinweis, dass es meine Straße 2mal in Berlin gibt, ging leider in seinem Verabschiedungsfloskeln („ja dann tschüss auch“) unter. Schritt zwei wurde dadurch erschwert, dass meine Kopfhörer anscheinend ein bisher unbemerktes Eigenleben entwickelt haben und sich im Zuge dessen aus unserer gemeinsamen Wohnung verabschiedet haben um die große weite Welt zu erkunden. Die Erleuchtung (sie lagen im Auto) kam mir dann kurz vorm Einschlafen zusammen mit der zum damaligen Zeitpunkt heroischen Idee, den Ort einfach per Messenger an einen Kollegen zu schicken – verbunden mit der Bitte, mir eben jenen Ort per SMS zurück zu schicken, damit ich ihn nicht vergesse. Habe ich bereits erwähnt, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen ich sehr stolz auf meine raffinierten Pläne bin?
Das Klingeln des Weckers offenbarte mir dann die Erkenntnis, dass es kurz vor 6 Uhr morgens auch in Berlin dunkel sein kann. Auf dem Weg durchs Hausflur beglückwünschte ich mich noch einmal für meinen Plan, mir den Ort der Kopfhörer per SMS schicken zu lassen, da mir vor Ankunft des Taxis noch 5 Minuten blieben um diese zu holen. Kurz war ich in Gedanken versunken und musste mir vorstellen, wie die Taxizentrale mit den Worten „ja scheisse, welche der zwei Straßen meint der denn nun?“ einfach je ein Taxi auf gut Glück zu jeder der zwei Adressen losschickte, als mir der Taxifahrer auch schon die Taschen aus den Händen riss und pflichtbewusst im Kofferraum verstaute. Dies ist dann wohl die Stelle, an der mein delikater Plan in sich zusammenfällt – aber wer braucht heut zu tage schon Musik!
Die Berliner Taxifahrer haben einen Ruf — einen Ruf, den sie nur zu gern in natura beweisen, festigen und bestenfalls ausbauen wollen. Auf jeden Fall denke ich, dass dies ein neuer persönlicher Rekord für die Strecke zum Bahnhof war, den wir beide da aufgestellt haben. Mir blieb also noch viel Zeit übrig – viel Zeit, die ich gern mit Musik auf den Ohren verbracht hätte … aber ich schweife ab.
Bahnreisen, insbesondere Bahnreisen ohne eigene Musik auf den Ohren, gewinnen oder verlieren ja sehr stark mit der Anzahl und Nervigkeit der Mitreisenden. Positiv muss ich bemerken dass ich nach der Hälfte der Strecke sehr gut in die Kultur der elektronischen Tanzmusik reintegriert wurde – etwas, was ich nicht unbedingt vermisst habe.
Der verwirrte Anruf des Kunden, zu dem wir unterwegs waren, brachte dann auch noch einmal etwas Sonnenschein in den Tag. Schließlich scheint er entweder im Umgang mit einem Mailprogramm oder aber der Kunst des Lesens als solches nicht sonderlich zugewandt zu sein. Auf jeden Fall fiel es ihm schwer, die Ankunftszeit aus dem Wust an komischen Zeichen heraus zu lesen, welche ihm unvorsichtigerweise auf elektronischem Weg zugestellt wurde. Durch den dezenten Hinweis, doch einmal seine Mails richtig zu lesen, ließ es sich dann recht leicht vom Gegenteil überzeugen und bot uns als Wiedergutmachung sogar an, uns durch einen Mitarbeiter am Bahnhof abholen zu lassen. Im Nachhinein stellte sich dies also die nicht unbedingt beste Idee heraus und nicht nur einmal kam mir der Gedanke, dass ich doch bitte nach 4 Stunden Fahrt mit der Bahn nicht auf den letzten 10 Minuten eines grauenvollen Todes sterben möchte.
Die Ankunft beim Kunden offenbarte dann einmal mehr, wie nah doch Klischee und Wirklichkeit insbesondere im Bereich der IT doch zusammen liegen. Wir betraten also die Räumlichkeiten der Firma und wurden von drei Personen begrüßt. Kandidat 1 bestach durch sein Solarium-gegerbtes Äußeres. Akzente wie die gegelten Haare und das Goldkettchen machten schnell deutlich: der arbeitet hier garnicht und ist nur zu Besuch. Kandidat 2 hatte die herausragende Eigenschaft, niemand in die Augen sehen zu können, stammelte kurz seinen Namen und verschwand dann wortlos an seinen Arbeitsplatz zurück. Der dritte im Bunde stellte sich als technisch versiert heraus, wurde durch seinen wirklich immensen Körperumfang in der Ausübung seiner Pflicht allerdings oftmals in seine Schranken gewiesen.
Durch die 3m Weg von seinem Platz zum Whiteboard sichtlich ausgelaugt begann er schwitzend und mit Atempausen unterlegt damit, uns die gegenwärtige technische Situation sowie die vorherrschenden Probleme zu erläutern. Damit hielt das Dreigestirn seine Arbeit vorerst wohl für beendet und leitete mit den Worten „Wat? Schon 1? Erstmal Mittag bestellen“ den angenehmen Teil des Tages ein. Nach der telefonischen Bestellung konnten mein Kollege und ich unserer zweiten großen Leidenschaft nachgehen – wir verdingten uns als Raumdekoration. Während sich das Kompetenzteam mit Video über Laserlight-Shows mit Sound in Discolautstärke ergötzte, saßen wir mehr oder weniger untätig herum, da uns bisher auch kein Arbeitsplatz geschweigedenn Netzzugriff gewährt wurde. „Das hat Zeit bis nach dem Essen – sonst bauen wir hier ja nur auf und ab.“ lautete die einleuchtende Antwort.
Nach dem Essen (bedeutet circa 2h später) wurde es dann hektisch. Schließlich wäre ja 17 Uhr Feierabend eine gute Sache, so die einhellige Meinung, und bis dahin könnte man ja eben schnell noch dies und jenes testen. Dazu muss ich sagen, dass ich Menschen, welche der „mal eben kurz“ Religion angehören, schon immer mit Argwohn betrachtet habe. Jeder, der diesen Satz entweder selbst aktiv verwendet oder sich je mit ihm konfrontiert sah wird sich erinnert, dass sich die Aussage „mal eben kurz“ fast immer zeitlich entgegen gesetzt zur eigentlichen Dauer verhält.
Und so war es dann auch weit nach 17 Uhr, als wir das Büro endlich verließen und uns jetzt im größten Einkaufs- und Vergnügungscenter der Region … nunja … vergnügen wollten. Eventuell hätten uns die hochgeklappten Bürgersteige, das geringe bzw. nicht vorhandene Verkehrsaufkommen oder zumindest die stark gegen 0 verlaufende Anzahl von anderen Menschen stutzig machen sollen. Doch die Aussagen „da ist eigentlich immer was los“ und „die haben mindestens bis 22 Uhr offen“ unseres Dreigestirns stimmten uns dann doch milde. Jedoch schienen die das Memo nicht bekommen zu haben, denn um 20.45 Uhr hatten sie sich entgegen der in den Verträgen von Mühlhausen festgelegten Abmachungen waren bereits alle Läden geschlossen. Zu allem Überfluss begrüßte uns eine freundliche Stimme mit den Worten „Wir schließen in Kürze unsere Mall, aber die Food-Oase hat noch bis 22 Uhr geöffnet“. Unser Ziel war somit klar.
Doch scheinbar hatte sich die Unfähigkeit in der Bedienung eines Mailclients auch bis in die Oase der Fresserei ausgebreitet, denn unsere Anfragen bezüglich einer Transaktion „Zahlungsmittel gegen Essen“ wurde mit „wir haben schon geschlossen“ beantwortet. An dieser Stelle möchte ich dem Gott des Kommerz huldigen und ihm für die Erfindung der Tankstelen danken, welche zu moderaten (lies: völlig überteuerten) Mondpreisen das Nötigste verkaufen, damit man nicht das Bettlaken anknabbert oder die Shampooflaschen austrinkt.
Da am nächsten Tag die technischen Einstellungen größtenteils abgeschlossen waren, versuchen wir, andere Dinge zu perfektionieren. Ich möchte nicht schwindeln aber ich glaube da einen Guinessbuchrekord in näherer Zukunft zu sehe. Dazu folgende kurze Überlegung: die minimale Anzahl von Personen für ein Gespräch beträgt 2. Somit sinkt die Anzahl der Personen in einem Raum, die noch für Gespräche verfügbar sind, ebenfalls um 2. Bei 5 Personen im Raum ergeben sich somit 2 Gespräche, wobei eins davon mit 3 Personen stattfindet. Wir haben es geschafft, teilweise 4 Gespräche gleichzeitig am Laufen zu halten (do the math!), was in einer Kakophonie ungeahnten Ausmaßes gipfelte – und eine bemerkenswerte Leistung ist.
Wir beendeten die bereits wieder aufbrandenden „mal eben kurz noch“ Gespräche durch einen dezenten Hinweis, dass es Zeit für Heimreise sei. Ich persönlich begann diese durch einen gezielten Riss meiner Hose in der Region des verlängerten Rückens, welche ich durch eine geschickte Sitzhaltung sowie einen langen Mantel äußerst effektiv vertuschen konnte. Nach erneuten 4 Stunden Fahrt und einem insgesamt 14Stunden-Arbeitstag bin ich nun endlich wieder in Berlin. Ich vermute, ich werde jetzt einmal testen, ob ich länger als 10 Minuten laufen muss um einen dieser „Supermärkte“ zu entdecken, welche bis 22 Uhr offen habe. Vielleicht kaufe ich mir auch ganz spontan etwas zu essen für einen Gegenwert, der nicht dem Monatsgehalt eines hartarbeitenden Peruaners entspricht. Oder ich besuche eines dieser verrückten Etablissements namens „Bar“ von denen ich schon so viel gehört hab. Zivilisation hey!
Weihnachtsdarwinismus
by Armin on Dez.11, 2011, under Uffbasse Lufdbumb!, Wir können auch anders
Es sind Szenen, die man nicht unkommentiert lassen kann. Eine verwackelte Kamera zeigt einen abgedunkelten und nur durch den Widerschein der Kerzen beleuchteten Raum. Sie schwenkt nach rechts und zeigt eine Gruppe von Menschen bei der Ausübung eines undefinierbaren Rituals. Man erkennt einen Nadelbaum in einer Ecke des Raumes, geschlagen in der Blüte seiner Entwicklung. Er ist behangen mit Kerzen und allerhand Glitzerkram. Ein Junge beginnt unter den wachsamen Augen aller Anwesenden damit, eine der für ihn rituell dargebrachte Opfergabe aus der Verpackung zu schälen.
Dann überschlagen sich die Bilder. Unverständliches Geschrei. Genüsslich lächelnde ältere Damen und Herren, die sich gegenseitig zuprosten. Der Junge, wie vom Teufel besessen, springt mit manischem Gesichtsausdruck durchs Zimmer und gibt unverständliche Laute von sich. Zwischenzeitlich glaubt man, die Worte Playstation sowie die Zahl drei vernehmen zu können – Teil des Rituals oder doch der Anfang vom Ende?
Das soeben Beschriebene ist keinesfalls ein erneuter Versuch, eines der Werke Lovecrafts zu verfilmen. Der visuelle Brechreiz ist vielmehr der neue Werbespot der „ich bin doch nicht blöd“ Kollegen vom Mediamarkt. Weihnachten wird unterm Baum entschieden – so schallt es einem entgegen. Dicht gefolgt vom marketingstrategisch geschickt erfundenen „Weihnachtstiefstpreis-Garantie“ Geblubber. Egal welche Reaktion die Werbeabteilung damit erreichen wollte, ich glaube die bei mir erzeugte ist nicht im Spektrum dabei gewesen: Fassungslosigkeit und blanke Wut.
Das eigentlich schlimme ist, dass trotzdem jedem Zuschauer die Intention klar sein wird. Wenn Weihnachten bei euch nicht total in die Hose gehen soll, kauft unsere tollen Produkte. Und weil es ja richtig schön sein soll, kauft auch richtig schön viel. Und wenn ihr das nicht tut, dann wird euch zumindest der ewige Hass eurer Sprößlinge nachschleichen.
Mich persönlich schreckt diese Art von Werbung wirklich ab. Der Grund dafür ist, dass hier eine „Win-Lose-Situation“ geschaffen wird, welche, so wird zumindest suggeriert, nur finanziell gelöst werden kann. Weihnachten wird zum Wettkampf – und anscheinend haben Oma und Opa aus dem oben beschriebenen Spot diesen Kampf gewonnen. Sie prosten sich genüßlich zu – bestimmt weil sie sich freuen, ihren Enkel so glücklich gemacht zu haben. Oder vielleicht doch eher, weil sie den Wettkampf gewonnen haben. Ihr Geschenk ist die Nummer 1 – an dieser Stelle hätte eigentlich nur noch der Vettel-Finger eingeblendet werden müssen und die Sache wäre perfekt gewesen.
Eine weitere Sache ist, dass Technik als das scheinbare Wundermittel gepriesen wird. Wieso hat traditionelles Spielzeug nicht einen ebenso hohen Wert? Sicher, es gibt kein Holzspielzeug oder Brettspiele bei Media Markt. Aber warum muss es unbedingt eine Daddelkonsole (es exisitert noch eine andere Version mit einer Wii als Geschenk) sein. Und haben die Menschen, die entweder keine Spielekonsole verschenken wollen oder sich dies schlicht nicht leisten können, die Schlacht unterm Baum bereits verloren?
Ich möchte ja garnicht abstreiten, dass sich jeder freut, wenn der oder die Beschenkte sich über das Geschenk freut, über das man im Bestfall ja einiges an Überlegungen angestellt hat. Sollte es nicht eigentlich ausreichend sein wenn man beweist, dass man an die andere Person gedacht hat und ihr eine Freude machen möchte? Natürlich ist es viel einfacher, im Elektronikmarkt um die Ecke ein neues Computerspiel oder eine Konsole zu kaufen. Wahrscheinlich hauptsächlich deshalb, weil sich „soziale Interaktion“, „Empathie“ und „Nähe“ so schwer vermarkten lassen. Aber vielleicht gibt es auch dies im nächsten Jahr im Angebot.
Dieter Sucht Die Superjury
by Holger on Aug.31, 2011, under Hypnokröte
Große Ereignisse werfen große Schatten voraus. Obwohl das Kalenderjahr 2011 noch weit davon entfernt ist, Geschichte zu sein, bereitet sich ganz Deutschland mittlerweile auf DAS Ereignis des kommenden Jahres vor: Die neue DSDS-Staffel.
Nach dem grandiosen, in Echtzeit ca. 25 Minuten anhaltenden Welterfolg von Pietro “Linguistikwunder” Lombardi wartet eine ganze Nation gespannt darauf, wer der nächste “Superstar” wird: Ein Goldfisch mit Blähungen wäre nach den bisherigen Gewinnern und deren qualitativer Entwicklung der nächste logische Schritt.
Da man auch bei RTL bemerkt, dass die Qualität der selbstkreierten Mediennutten stetig sinkt, überlegt man fieberhaft, wie man den Kandidatenpool vergrößern könne. Als einzige Mindestvoraussetzung für die neue Staffel scheint daher die Zuhgehörigkeit zur menschlichen Rasse festgelegt worden zu sein (schade für den Goldfisch). Ebenfalls neu sind natürlich die beiden Pappfiguren, die da neben Dieter Bohlen am Jurytisch sitzen (müssen) und die ihre Seele sowie ihre eigene Meinung mit Vertragsunterschrift an der Garderobe abgegeben haben.
Bild.de, Mitteilungsblatt der oberen Zehntausend, versorgt den Pöbel mit zahlreichen heißen Infos, nun auch mit möglichen Kandidaten, die die Nachfolge der beiden weichgekochten Spaghettis namens Patrick Nuo und…irgendsoner Tussi antreten können. Laut Bild stehen zwei mögliche Kandidaten in den Startlöchern: Oli Pocher und Daniela Katzenberger, hauptberuflich billige Thekenschl…Modedesignerin.
Glücklicherweise steht der Redaktion von readfulthings.de ein geheimes Dokument zur Verfügung, das die möglichen Pläne von RTL für Bohlen-Mitjuroren offenbart. Dies wollten wir euch selbstredend nicht vorenthalten. Mehrere Modelle stehen dabei zur Auswahl, doch allen ist der immense Erfolg gemein, den sie sicherlich haben würden:
- Modell musikalische Kompetenz: Crazy Frog & Sweety, das Jamba-Küken
- Modell Randgruppeneinbindung: R. Calmund (adipöse Menschen) & A. Schwarzer (Frauen…weil die doch fast nie gewinnen, menno!)
- Modell Optik zählt: Gina-Lisa Lohfink (oder Donatella Visage…äh, Versace, falls die vom Solarium aus sprechen kann) & der Alm-Öhi von der Pro Sieben X-Promi Alm-Attrappe
- Auslaufmodell: G. Westerwelle (hat bald viel Zeit) & Ulla Kock am Brink
- Modell Showbusiness: Miss Piggy & Bernd das Brot (beide wissen, wie man sich in der Brance hält)
- Modell Niveausteigerung: Pietro Lombardi & eine Scheibe trockenes Weißbrot, mit ranziger Butter beschmiert
- Modell sachliche Analysen: Ein Kaktus mit cooler Sonnenbrille & eine Dose Ravioli in Tomatensauce…mit Fleischfüllung!
- Modell “für wenig Geld und einen Teller Suppe machen die alles”: Austauschbares Kandidatenmodell von Erfolgssendungen wie “Dschungelcamp”, “die Alm” & das große “Promi-Hornhautraspeln”
- Modell maximus Beleidigungus: Bohlen-Klon 1 & Bohlen-Klon 2
Einige aussichtsreiche Kandidaten haben sich da versammelt. Es bleibt abzuwarten, wer letztlich neben Mr. Penisbruch 1986-2011 am Jurytisch Platz nehmen wird. Man weiß, dass die höchstmögliche Fachkompetenz entscheidend ist bei der Auswahl. Wer immer glaubte, es ginge RTL um die Optik und eine nichtvorhandene eigene Meinung, der täuscht sich gewaltig. Es geht nur um knallhartes Wissen ob der Gesetzmäßigkeiten der Branche! Alles andere könnte man diesen vielversprechenden Ex- und bald wieder-ALG II-Empfängern nicht zumuten. Freuen wir uns auf das, was nächstes Jahr kredenzt wird.
Kämpfen und Trainieren – Trainieren und Kämpfen
by Armin on Aug.25, 2011, under Uffbasse Lufdbumb!
Userbasierte Werbung ist schon ein Segen. Wurde man früher noch von den immer gleichen Werbungen über Sexchats oder die neusten Bilder der frivolen Studentin ganz aus der Nähe begrüßt, so hat sich die Werbung heute weiter entwickelt – sie bezieht sich auf Interessen des Besuchers. Im Optimalfall also erneut Bilder der frivolen Studentin ganz aus der Nähe oder Infos zum neuesten Sexchat.
Und doch sticht aus diesem generischen Mist die ein oder andere Perle heraus. Werbung, so passend und auf den Benutzer zugeschnitten, dass es einem schon Angst und Bange werden muss. Sie wie die folgende Werbung für ein Spiel, welche ich vor kurzen auf meiner Facebook Seite sehen musste:
Bundeswehr – das neue Socialgame auf Facebook. Das Spiel für Interessierte und Fans der Bundeswehr. Trainiere deine Soldaten und Kämpfe.
Es ist mit Sicherheit ein offenes Geheimnis, dass die Bundeswehr nach der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht nicht gerade mit willigem Personal gesegnet ist. Sogar die ersten freiwillig eingezogenen nehmen die Beine in die Hand verlassen das sinkende Schiff. Dabei denke ich nicht, dass ihnen das menschenverachtene Training oder die psychischen Grausamkeiten (beides kommt bei der Bundeswehr nämlich gar nicht vor) den Wind aus den Segeln genommen haben – sie werden sich vielmehr erst nach Beginn ihrer Ausbildung bewusst geworden sein, auf was sie sich da eigentlich eingelassen haben. Denn nicht ohne Grund scherzte man zu meiner Zeit:
Die Bundeswehr ist die Organisation, die an der Grenze wartet bis die richtige Armee eintrifft.
Das wäre doch eigentlich auch ein Werbeslogan – natürlich einer mit deutlich weniger Potential. Denn sind wir doch einmal ehrlich, mehr als einen Werbegag kann ich in einem solchen Browserspiel mit Socialgame Charakter einfach nicht erkennen. Ob man, gerade in der heutigen Zeit der weltweiten Konflikte, unbedingt mit „kämpfen“ werben muss, darf jeder für sich selbst entscheiden.In seiner normalen Bundeswehrzeit kämpft der Rekrut für gewöhnlich hauptsächlich gegen die viel zu knapp bemessene Zeit zur Mittagessensaufnahme, die unbequemen Betten sowie mit der schier unlösbaren Aufgabe, jeden Abend teils immense Mengen alkoholhaltige Getränke in sich zu gießen und diese für möglichst lange Zeit im eigenen Körper zu behalten.
Ich frage mich, ob all diese Elemente – Elemente die das Spiel erst richtig realistisch machen würden – so auch eingebaut werden. Werde ich nachts um 2 über mein Handy geweckt, damit ich mich gefälligst in das Spiel einlogge? Werde ich mit sinnlosen Aufgaben im Sinne von „richten Sie sich das Gesicht“ bei Laune gehalten, welche dann in absurden Minispielchen wieder und wieder wiederholt werden müssen?
Vielleicht stimmt man beim Akzeptieren der AGBs auch gleich einer 4jährigen Dienstzeit mit Auslandseinsatz zu… wer liest die Teile schon so genau. Auf jeden Fall hat die Werbung ein Ziel nicht verfehlt. Ich werde mir dieses Meisterwerk moderner Onlineunterhaltung einmal anschauen. Und sei es, um folgende essentielle Frage zu klären: präsentiert man den Stumpfsinn so wie er in Wirklichkeit ist? Oder wird unsere geliebte Bundeswehr in ein Hollywoodreifes Licht gerückt? Ich bin gespannt… Bundeswehr: the social game. Ich freu mich drauf!